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Weblog 2006

20.06.2006

Gestern war ich in einem Vortrag von Prof. Theodor Hänsch, wo er über Atomuhren und Frequenzkämme sprach. Beeindruckend war, welche Messungen man alle auf Zeitmessungen zurückführen kann (Länge, Energie, Masse etc.), und dass absehbar ist, dass in den nächsten Jahren ein neuer Typ von Atomuhren zu erwarten ist, welcher mit einer Genauigkeit von 10-18 noch um drei Größenordnungen besser ist als heutige Cäsiumfontänen-Atomuhren – das ist dann so gut, dass sich bereits ein Höhenunterschied im Zentimeter-Bereich messbar auf die Zeitdehnung durch den Gravitationsunterschied auswirkt.

Heute gab es wieder einen Vortrag, und zwar über die Begrenztheit unseres Wissens. Ein anschaulicher Vergleich: Wenn Wissenschaftler im Blut eines Menschen schwimmen könnten und dabei sämtliche chemische Reaktionen und Abläufe in den Muskeln beobachten und verstehen könnten, würden sie aus ihrer Perspektive trotzdem nicht erkennen, dass der Mensch gerade seinen Arm hebt, um sich am Kopf zu kratzen. Auch wenn die Details noch so gut verstanden sind, sagt das noch nicht unbedingt etwas über die großen Zusammenhänge aus – so wie den imaginären Wissenschaftlern im Blut dürfte es den Astrophysikern gehen.

Und noch was: Zur Zeit geht’s ja im Olympiapark richtig zu, mit WM-Fan-Fest und Tollwood. Als ich mit dem Fahrrad durchgefahren bin (langsam um die Leute herumkurvend, nur auf den freien Stücken etwas schneller), habe ich Kommentare gehört wie „der rast so durch die Menge“ – ich denke, wenn jemand mit der selben Geschwindigkeit mit dem Auto gefahren wäre, wäre das egal gewesen; nur ein Radfahrer muss entweder extrem langsam sein oder viel Lärm machen; leise und zügig dahinzurollen erschreckt die Leute.

11.06.2006

Die Fußball-WM hat ordentlich losgelegt. Es war wirklich krass, wie es am Eröffnungstag im Olympiagelände zugegangen ist – Menschenmassen, trotz strenger Sicherheitskontrolle an den Eingängen. (Die Schlangen waren endlos. Aber ich habe eine Backdoor gefunden, wo man schnell reinkam.) Innen war es aber ok; zuerst das Konzert von Haindling, dann die Live-Übertragung der Eröffnungsfeier und schließlich das Spiel. Bei den vielen Deutschlandfarben in Form von Fahnen, T-Shirts, Perücken, Hüten und sonst noch was wird mir langsam klar, dass die Marketingmaschinerie der letzten Wochen nicht umsonst war – sie haben ihren Schrott unter die Leute gebracht. Zugegeben, farbenfroher Schrott.

Positiv fand ich, dass die Menschenmassen an den ganzen Ständen nicht mit Mondpreisen abgezockt wurden; alle Preise waren fair. Und auch die Fans machten einen guten Eindruck; es war ein sehr gemischtes Publikum, weit weg von sonstigen grölenden und pöbelnden Biersäufern. Fast schon ein internationales Volksfest; beispielsweise sah man auch Puertoricaner, und eine Gruppe Brasilianer hat Capoeira aufgeführt – angefeuert von Bayern in Lederhosen.

Dann am Abend habe ich mir noch das neue Stadion vom Windrad aus angeschaut. Beeindruckend, welche Menschenmassen nach dem Spiel herausströmten. Auf dem Berg haben sich die Ü-Wagen der Medien breit gemacht; auch die Polizei war mit Antennenfahrzeugen da, und die Bundeswehr hat auch eine Funkstation aufgebaut. Krasse Dimensionen!

Nochmal zu Haindling: Mir gefällt seine Musik. Warum? Gute Frage. Vielleicht wegen der eingängigen Melodien, die trotzdem nicht plump-rhythmisch sind, und die eigentliche Stimmung erzeugen. Der Text ist vergleichsweise sparsam, nicht in abgehobenen Formulierungen chiffriert – aber wohl deshalb so klar und aussagekräftig. Ich habe nichts gegen das Theatralische, aber von den Inhalten kriege ich dann meist nichts mit (was angesichts vieler Texte egal ist).

06.06.2006

Heute im Seismologie-Meeting habe ich wieder was gelernt: Jahrelang meinte man anscheinend, mit Neigungsmessern die bei einem Erdbeben auftretenden Verkippungen gut messen zu können; aber diese Geräte messen bei einem Erdbeben vor allem die durch die durchlaufenden Wellen auftretenden Beschleunigungen. Große Teile der früheren Publikationen sind demnach falsch, weil man die Messwerte bis zu einem Faktor 100 falsch interpretiert hat.

Am Wikipedia-Stammtisch gab es – neben jeder Menge Geschichten aus der Community aus Admin-Sicht – ein paar interessante Fakten; beispielsweise, dass die älteste Kirche auf Münchner Stadtgebiet in Fröttmaning steht, direkt bei Müllberg, Kläranlage und Allianz-Arena. Bevor München gegründet wurde, gab es dort in der Nähe (vermutlich bei St. Emmeram) die alte Isar-Brücke, über die der Salzhandel von Salzburg nach Augsburg verlief. Die Gespräche gingen auch über die Kategorisierung der Artikel; ich finde es interessant, dass es in der Wikipedia gelingt, trotz ihres Wachstums immer mehr Struktur (in Form von Kategorien, Portalen etc.) zu erhalten – erwartet hätte ich es umgekehrt. Aber dies scheint auch eine Spezialität der deutschen Wikipedia mit ihrer relativ eng verzahnten Community zu sein; in der englischen Wikipedia ist das wesentlich schwächer ausgeprägt, dort gibt es mehr Artikel bei gleichzeitig weniger Struktur, und auch z.B. die Beteiligung zu Admin-Kandidaturen ist dort peinlich niedrig.

31.05.2006

Letztes Wochenende war ich in Leipzig auf dem GAP 2006. War schön, wirklich toll organisiert, und hat viel Spaß gemacht!

Und gestern war ich beim Klettern im Kunstpark Ost. Zum ersten Mal wieder seit 7 Jahren (und damals war ich auch nur zweimal dabei). Ging halbwegs gut; ich dachte, ich würde mich blöd anstellen oder nicht trauen, aber das größte Problem war die Kraft in den Händen. Ich bin schon froh, dass ich wenigstens ein paar Klimmzüge hinkriege – aber beim Klettern waren es die Hände, die bald zu wenig Kraft hatten, die Griffe zu umklammern ... hätte ich nicht gedacht.

Und noch was Lustiges: Jemand hat beobachtet, wie Chinesen Weißwurst essen. Nachdem der Topf mit den Würsten kam, nahmen sie diese heraus, zogen die Haut ab, schnitten die Würste klein, legten sie zurück ins Wasser, fügten den Senf hinzu und aßen das Ganze samt Wasser wie eine chinesische Suppe. Null Punkte beim Bayerntest!

14.05.2006

Letzten Mittwoch gab es eine Wikipedia-Exkursion in die Münchener Großmarkthalle. War interessant; wir haben gelernt, dass die Halle ein Ersatz für den Handel auf dem Marienplatz bzw. Viktualienmarkt war, seine besten Zeiten nach dem Krieg hatte („Fresswelle“) und heute zunehmend von Supermärkten Konkurrenz bekommt, weil die eigene Vertriebsnetze für ihr schmales Sortiment aufgebaut haben. Trotz hervorragendem Bahnanschluss am Südbahnhof kriegt es die Bahn aber leider nicht auf die Reihe, zum LKW konkurrenzfähig zu sein – nur wenige Prozent der Ware kommt per Zug. Und dann bin ich zum ersten Mal Paternoster gefahren. Schließlich gab es noch ein paar Stories von der Wikipedia: Von der iranischen (?) Verfassung, die bei Wikibooks zum Editieren online gestellt wurde; von dem Revert des Beitrags unserer Justizministerin Zypries; von den Spoiler-Warnungen in der englischen Wikipedia, sogar bei Hänsel und Gretel...

Und dann gab es noch eine Grillparty in Garching, wo man auch ein paar nette Sachen gehört hat. Von den Bonzenautos des Sicherheitsdiensts, und auch davon, was manche der Wachmänner als Nebenverdienst machen...

30.04.2006

Gestern war ich auf dem Gothicmarkt. Tja, faszinierend, wie extrem man das treiben kann. Ich muss sagen, ich habe es nicht geschafft, diese Szene zu verstehen. Während andere Gruppierungen irgend ein gemeinsames Ziel oder irgend eine Tätigkeit haben, ist das dort nicht so. Es ist eher etwas sehr Allumfassendes – ich würde am ehesten sagen, sie erschaffen sich ihre eigene Zauberwelt, mit allem was dazugehört, mit einer eigenen Ästhetik und eigenen Bedeutungen (die nur den Eingeweihten und Interessierten zugänglich sind) und mit viel Liebe zum Detail. Mit nüchterner Betrachtung alleine kommt man da nicht weit. Aber ganz großes Kino.

20.04.2006

Habe einen sehr interessanten Text gelesen, nämlich die Rede von Richard Feynman bei der Verleihung des Nobelpreises. Nach dem Motto „Ergebnisse habe ich in Magazinen veröffentlicht, daher rede ich über etwas, was nicht in den Magazinen steht und etwas unterhaltsamer ist“ spricht er darüber, wie er sich die Quantenelektrodynamik erarbeitet hat und letztendlich zum Nobelpreis gekommen ist. Das ist insofern interessant, weil er zeigt, wie schwer er sich mit den Konzepten getan hat, wie er als Student lange nachgedacht hat und wie sein Professor ihm innerhalb weniger Minuten seine Denkfehler zeigen konnte. Feynman war also alles andere als ein Genie, dem die Erkenntnis zugeflogen kam – er arbeitete sehr viele Jahre daran. Das mag an die Erfolgsfaustregel erinnern: „10% Inspiration, 90% Transpiration“. Aber auch das stimmt nicht; obwohl er endlos viel gearbeitet hat, war es keinesfalls ein zielstrebiges und fleißiges Hinarbeiten auf ein großes Ziel, sondern eher eine unendliche Abfolge von Versuchen und Irrtümern – er ist in unzählige Sackgassen gegangen. Aber er hat nie das Interesse verloren, sondern ist immer spielerisch an die Sache herangegangen. Damit unterscheidet er sich deutlich von den Tugenden, die bei uns so hochgehalten werden: einerseits das Genie bzw. die geistige Elite, andererseits der Fleiß und das Karrierebewusstsein. Er hat sich letztendlich immer spielerisch mit der Sache beschäftigt; diese Spielerei verschaffte ihm schließlich, nach vielen Jahren, die Fingerfertigkeit, um aus den Vorarbeiten anderer Leute eine große Theorie zu erschaffen, weil er Dinge aus Perspektiven sah, die kein Anderer sehen konnte. Die ganzen mathematischen Methoden waren für ihn äquivalente Sichtweisen auf die physikalische Wirklichkeit – und dadurch, dass er sich mit ihnen beschäftigt hat, konnte er die Physik auf neue Weise verstehen. Feynman ist ein Beispiel dafür, dass man manchmal genau nicht durch Zielstrebigkeit, sondern durch eine Art zielfreier Sorgfalt etwas erreichen kann. Wohl dem, dem man die Freiheit gibt, zu spielen.

01.04.2006

Faszinierend: Ein Student aus den USA kommt für zwei Monate an die TU München; er möchte in seiner Freizeit Europa anschauen, d.h. Kurztrips nach Paris, Berlin, Wien, Prag, Dresden, Heidelberg usw. machen, wollte Karten für die Bayreuther Wagner-Festspiele haben und fragte auch, wo er Zugang zu einem Klavier haben könne, um dort zu üben. Manche Leute scheinen endlos viel Zeit (und Geld) zu haben. Außerdem werde ich den Eindruck nicht los, dass viele Leute Dinge tun, damit sie getan sind, und nicht, weil sie ihnen etwas bringen... wenn ich verreise, brauche ich Zeit, um beobachten und erleben zu können – darum verreise ich, und nicht, um einen weiteren Ort auf der Liste abhaken zu können.

Noch eine lustige Story habe ich kürzlich gehört: Eine Katze, die S-Bahn fährt. Ihre berufstätige Besitzerin hat lange Zeit nichts davon gewusst, dass ihr Tiger tagsüber bei der Inspektion seines Reviers eine Station mit der S-Bahn fährt, aussteigt, und dann mit dem Gegenzug wieder heimfährt.

21.03.2006

Habe gerade einen wunderbaren Telepolis-Artikel gefunden mit dem Titel Die Magie der Bewerbung. Hier wird viel von dem skizziert, was letztendlich in unserem ganzen Bildungssystem schief läuft und was von Richard Feynman sehr schön in seiner Rede über “Cargo Cult Science” beschrieben wurde. Kurz gesagt: Wo das Wissen aufhört, fängt der Glaube an, und wo das Verständnis zu klein ist, macht man das Mysterium groß.

26.02.2006

Momentan läuft in der Wikipedia ein interessantes Meinungsbild: Quo vadis, Wikipedia?. Hier geht es nicht um administrative Kleinigkeiten, sondern eine breite Meinungsbefragung. Weitgehend gleich in den meisten Beiträgen ist, dass man fürchtet, dass einem der Vandalismus und das Halbwissen über den Kopf wächst – wobei die Einen eher optimistisch sind im Sinne von „es ist bisher immer gutgegangen“, während die Anderen den Untergang kommen sehen. Faszinierend ist, dass sich bei den Gegenstrategien die Meinungen ziemlich klar in zwei Lager spalten, unabhängig wie ernst sie die Lage einschätzen. Die Einen wollen viele Restriktionen, anonyme Edits verbieten und ein Bewertungssystem einführen, das die Benutzer in Experten und Laien aufteilt, mit unterschiedlichen Rechten. Die Anderen sind sehr liberal, betonen die positiven Beiträge anonymer Benutzer und sagen, dass es besser sei, Vandalen durch Korrektur ihrer Schäden den Spaß zu verderben, statt viel Aufwand in ungerechte und letztendlich doch überwindbare Sperren zu stecken. Ich finde, das ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich große Strömungen in der Politik herausbilden – vielleicht erklärt es auch, wie es zu meist zwei großen Volksparteien kommt.

03.02.2006

Habe einen interessanten Vortrag im Seminar gehört. Plumes haben eine unendlich hohe Prandtl-Zahl, d.h. die Konvektion ist trägheitslos (wegen hoher Viskosität); und je nachdem, wo die Hitze herkommt (von unten (wie beim Herd) oder von innen (wie in der Mikrowelle)) bilden sich unterschiedliche Strömungen. Außerdem ist die Viskosität temperaturabhängig; an der kalten Oberfläche bildet sich also ein „Deckel“. Und dann ist sie auch noch abhängig von Druck und Fluiden... die Animationen waren jedenfalls cool.