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Gedanken über das Radfahren

Radwege – ein ewiges Ärgernis

Erfahrungen mit Radwegen

Mir wird jedesmal richtig schlecht, wenn ich höre, dass sich Politiker wegen ihrer Bemühungen um Radwege rühmen, und dann das Ergebnis sehe. Haben die sich jemals auf ein Fahrrad gesetzt? Wie unfähig müssen die verantwortlichen Verkehrsplaner sein, und warum werden ihre Pläne anstandslos umgesetzt?

Radwegebau ist in Deutschland auf jeden Fall ein ganz dunkles Kapitel. Wie man es richtig macht, kann man in den Niederlanden sehen. Dabei meine ich nicht die sehr großzügige Breite der Radwege, oder dass es meist auf jeder Straßenseite einen Radweg gibt, sondern dass die Radwege dort benutzbar sind!

Was man bei uns viel zu häufig sieht:

Fazit: Deutsche Radwege sind anscheinend gedankenlos von Autofahrern für Autofahrer geplant, damit die lästigen Radfahrer weg von der Straße sind. Man muss sich nicht wundern, wenn sich kaum ein Radfahrer an die Verkehrsregeln hält, denn das ist wirklich nicht einfach. Selbst wenn man sich bemüht, es gibt derart viele unklare Stellen, dass man keine Chance hat, sich wirklich korrekt zu verhalten – dazu kommt noch, dass einem sehr oft die Vorfahrt genommen wird.

Es stellt sich wirklich die Frage, für wen die Radwege gebaut sind. Schnelle, sportliche Radfahrer meiden sie oft, weil ihnen ihre eigene Sicherheit wichtiger als die Einhaltung von Verkehrsregeln ist, und langsame Radfahrer sind meist Gelegenheitsradler, die sowieso nur selten mit dem Fahrrad unterwegs sind.

Ist Besserung zu erwarten? Während immer mehr Radwege gebaut werden und dies immer aufwändiger durchgeführt wird, bleibt die Gedankenlosigkeit weitgehend gleich – vermutlich klopft man sich sogar auf die Schultern, weil man glaubt, für viel Geld gute Radwege bekommen zu haben, und verschließt angesichts steigender Finanzmittel die Augen vor der Realität. Aber so lange Radwege im Nichts enden, so lange sie unübersichtlich und mies beschildert sind, sind sie wertlos! Von den (im Vergleich zu anderen Verkehrswegen) sowieso schon geringen Ausgaben kommt aus den genannten Gründen beim Radfahrer praktisch nichts an. Ich muss sagen, dass in den vergangenen Jahren die Straßenbauer mehr für die Radfahrer getan haben als die Radwegbauer, indem sie die Straßen derart autogerecht und breit gemacht haben, dass Radfahrer problemlos überholt werden können. Traurig, aber wahr.

Beispiel eines Radwegs

Ein Klassiker ist der Main-Werra-Radweg, wie ich ihn zwischen Schweinfurt und Meiningen erlebt habe.

Fazit: Nie wieder Radwege benutzen! Außer, ich sehe mit eigenen Augen, dass der Weg in gutem Zustand ist und keine abenteuerliche Streckenführung hat.

Siehe auch: Das Prinzip Radweg von Bernd Sluka

Forderungen an benutzbare Radwege

Natürlich ist es illusorisch, perfekt ausgebaute Radwege zu fordern. Erstens ist es nicht durchsetzbar, und zweitens ist es auch nicht immer nötig – gerade bei schwach befahrenen Wegen wäre das Verschwendung. Das Problem ist weniger der durchschnittliche Zustand der Wege, sondern dass sich der Radfahrer auf keinerlei Mindeststandards verlassen kann. Diese häufigen Schwachstellen sind es, die eigentlich weitgehend akzeptable Wege unbenutzbar werden lassen. Und darum schreibe ich hier, welche Mindeststandards ich fordere:

Warum man nachts Radwege meiden sollte

Weil ...

Wir brauchen ein neues Fahrrad-Bewusstsein!

Was ist der Grund dafür, dass Radfahrer nicht überall gleich gute Bedingungen vorfinden? Wenn man darauf verzichtet, einen Sündenbock verantwortlich zu machen, ergibt sich ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren. Ich setze einfach mal voraus, dass es so etwas wie „Fahrrad-Feinde“ bei den Stadtplanern nicht gibt, und dass Radwege politisch nicht durchsetzbar sind, wenn die Nachfrage gering ist.

Das Radfahren ist immer nur eine ergänzendes Fortbewegungsmittel; alternativ gibt es immer noch das Auto und, falls vorhanden, öffentliche Verkehrsmittel; im Nahbereich geht man zu Fuß, und sei es nur zum Parkplatz. In der Tat gibt es ja Städte, die fast komplett fahrradfrei sind, auch wenn sie an sich beste Bedingungen für das Radfahren hätten (z.B. flaches Land, nicht zu zersiedelt, gemäßigtes Klima).

Auch beim Fahrweg zeigen sich Unterschiede: Ein Auto kann ohne Straße nicht fahren, und da es viele Autos gibt und viele Leute auf das Auto angewiesen sind, werden gute Straßen gebaut – ansonsten hätte man bald einen Verkehrskollaps mit Stop-and-Go, unter dem alle zu leiden haben. Ein Fahrrad dagegen braucht keinen Radweg, sondern kann auch auf der Straße fahren; und von Heerscharen von Radlern, die die Straßen blockieren, hat man selten etwas gehört.

Meine Beobachtungen zeigen, dass der Radverkehr dort besser akzeptiert ist und mehr durch Infrastruktur gefördert wird, wo er sowieso schon stark entwickelt ist. Es ist also genau umgekehrt wie beim Autoverkehr, wo sich auf dem Land schon einmal Geschäftsleute beschweren, wenn die Durchgangsstraße droht, aus dem Ort hinaus verlegt zu werden – während bereits bei mittelstarkem Autoverkehr nach einer Umgehungsstraße gerufen wird. Beim Auto muss man nur den Zündschlüssel drehen, und es fährt beliebig schnell. Bei einem Fahrrad geht das Training Hand in Hand mit den Bedingungen; wer bessere Bedingungen hat, fährt mehr und wird dadurch fitter. Es schaukelt sich bei guten Bedingungen gegenseitig hoch; der Autoverkehr wird bei guten Bedingungen dagegen schnell unerträglich.

Zusammengefasst: Erstens überlappt der Fahrradverkehr mit seinen Einsatzbereichen stark mit dem Auto- und Fußgängerverkehr; das hat zur Konsequenz, dass diese sich schlechter aus dem Weg gehen können wie z.B. Fußgänger und Autofahrer. Zweitens gibt es beim Radfahren eine Hemmschwelle – nur wenn die Bedingungen gut sind, wird gefahren. Und zu guten Bedingungen gehören auch die praktizierten Verkehrsregeln.

Zu den Verkehrsregeln gibt es zu sagen: Meiner Beobachtung nach werden sie nicht nur von der Straßenverkehrsordnung bestimmt, sondern sehr stark auch von den Gewohnheiten der Leute, was sie als „normal“ im Verkehr erachten. Während rote Ampeln praktisch vollständig beachtet werden – weil die Strafen hoch sind und auch die Unfallgefahr –, ist es für sehr viele Leute kein Thema, in zweiter Reihe oder auf dem Fuß-/Radweg zu parken, den Blinker nicht zu benutzen, oder die Tempolimits zu missachten. Die gefühlten Verkehrsregeln sind anders als die, die im Gesetzbuch stehen. Gerade im Bezug auf Radfahren ist der Unterschied groß – da erstens viele Regelungen unpraktikabel sind (zumindest zusammen mit den meisten der heutigen Radwege) und sich zweitens eh fast niemand daran hält. Die Motivation ist auch gering, denn die meisten Radfahrer fahren so langsam, dass sie auf ein vorausschauendes Verhalten weitgehend verzichten können (wobei das für die schnelleren Verkehrsteilnehmer oft gefährlich ist) und dies auch tun, selbst wenn die Fahrrad-Infrastruktur eigentlich perfekt ist.

So ergibt sich folgende paradoxe Situation: Ist das Radfahren allgemein verbreitet und akzeptiert, haben sich diese gefühlten Verkehrsregeln zugunsten der Radfahrer verschoben – sie nehmen sich rücksichtslos viele Freiheiten, und die Autofahrer nehmen viel Rücksicht. Im umgekehrten Fall sind es die anderen Verkehrsteilnehmer, die rücksichtslos gegenüber den Radlern sind – mit der Folge, dass regelkonformes Radfahren kaum noch möglich ist (z.B. zugeparkte Radwege etc.) und vereinzelte Outlaws, die dann gleich sämtliche Regelungen ignorieren, als „Rambos“ tituliert werden. (Mir ist egal, ob sich jemand an die Regeln hält (so lange er die Konsequenzen selber trägt); gerade beim Radfahren sind Leute mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs, und ein langsamer Fahrer kann sich mehr erlauben als ein schneller, bei dem die Reaktionszeit kürzer und der Bremsweg länger ist. Es muss nur möglich sein, sich an die Regeln halten können, die schnelles Fahren erfordert. Und das ist oft nicht gegeben.)

Ob und wie sehr das Radfahren akzeptiert wird, hängt demnach von dem Bewusstsein in der Gesellschaft ab. So lange das Radfahren nicht als selbstverständliches Fortbewegungsmittel in den Köpfen akzeptiert ist, so lange wird es den Radfahrern noch schwerer gemacht als es bereits schon durch die meist mangelhafte Infrastruktur geschieht, und so lange werden die Vorstellungen der Straßenverkehrsordnungen meilenweit von der Realität entfernt sein. Entsprechend fährt dann niemand mit dem Fahrrad. Es ist ein Teufelskreis, der durchbrochen werden muss. Gefragt ist hier v.a. die Exekutive – denn die Gesetze sind oft ausreichend, jedoch darf sich die Umsetzung nicht nach gesellschaftlichen Vorstellungen richten. Die Straßenverkehrsordnung muss immer erfüllbar sein, auch dann, wenn die gesellschaftlichen Vorstellungen behindernd wirken!

Warum reden gerade die Leute, die keine Ahnung haben?

Ja, dieses Prinzip scheint universell zu sein; aber gerade beim Radfahren fällt mir immer wieder auf, was ich für Tipps bekomme, wie ich dies oder jenes besser machen könnte, damit ich schneller fahren kann oder besser gesehen werde. Und dann stellt sich heraus, dass die betreffende Person selber gar keine Erfahrung damit hat; es sind Sonntagsradler, die bei Sonnenschein mit den Radln auf dem Autodach in die Natur fahren, und dann den Alltagsradlern vorpredigen, dass sie doch einen Wimpel brauchen, oder dass das Fahren bei Nacht oder auf einer von Autos benutzten Straße viel zu gefährlich ist.

Ich denke, ihnen ist nicht klar, dass es oft kein „ja“ oder „nein“ gibt, sondern eine Abwägung; man geht bewusste Kompromisse ein, und die Erkenntnis zu einem „kommt darauf an“ ist langwieriger als eine fixe Idee, deren Konsequenzen man nicht bedacht hat.

Warum dominieren gerade die Weichei-Radler die Diskussion?

Wenn ich mit anderen Radfahrern rede, stoße ich häufig auf Unverständnis. Was, wie teuer ist dein Rad? Und dazu auch noch so schwer? Braucht man doch alles nicht. Schloss, Schutzbleche, Licht, Werkzeug – alles unnötig, und verschandelt die eleganten Formen eines nackten Gefährts. So sei es doch billiger, leichter, zuverlässiger und eleganter.

Aber dann stellt sich in der Diskussion oft heraus, dass sie ziemliche – ich sage jetzt einfach mal pauschal – Schmalspur-Radler sind. Klar machen sie große Touren. Aber ohne Gepäck, braucht man ja alles nicht. Klar fahren sie auch bei Regen. Aber das Trikot ist ja eh verschwitzt, da macht etwas Wasser und Dreck nichts aus. Klar fahren sie bei Dunkelheit. Aber man braucht ja nur eine winzige LED-Funzel als Positionslicht. Ich komme mir vor wie ein verwöhntes Weichei mit überhöhten Ansprüchen.

Aber dann fahre ich in der Stadt bei Regen, und bin sehr froh über mein Schutzblech – die Nässe trocknet bei Funktionskleidung schnell weg, aber den Straßendreck will man nicht auf seiner Kleidung haben, wenn man nach der Fahrt noch was vor hat. Und in tiefster Nacht auf einsamen Straßen ist ein gutes Licht essentiell, will man nicht bei einer flotten Abfahrt bei einem Hindernis abfliegen. Ich kann also gar nicht anders.

Ich weiß, es ist ein Spagat, wenn man sowohl alltagstauglich als auch schnell unterwegs sein will. Und ich habe in der Vergangenheit gelernt, dass man beim Radfahren Kompromisse machen muss – die eierlegende Wollmilchsau ist unrealistisch. Man kann nicht mit kiloweise Equipment auf alles gerüstet sein und gleichzeitig Rennradler versägen. Bei Autos klappt das auch nur, weil sie führ ihren Einsatzzweck vollkommen übermotorisiert sind. Es ist eben auch eine Geisteshaltung – man muss sich darüber im Klaren sein, was man will. Aber das bedeutet trotzdem nicht, dass die jeweiligen Extreme das Gelbe vom Ei sind. Ja, man kann schnell unterwegs sein, und trotzdem für Nacht und Regen gerüstet sein. Zwar nicht gegen die schlimmstmöglichen Bedingungen, aber doch so, dass man mit typischen Widrigkeiten einigermaßen gut zurecht kommt. So kann ich lange Strecken nonstop zurücklegen und trotzdem Gepäck dabei haben – beispielsweise auf der Reise zu einer Konferenz. Ich muss kein Schönwetterfahrer sein, der für sein Gepäck ein Begleitfahrzeug braucht, aber auch kein Rambo, der ohne Rücksicht auf Verluste fährt und am Ziel vollkommen eingesaut und erstmal für nichts zu gebrauchen ist. Wer ist hier eigentlich das Weichei?

Warum stört mich das überhaupt? Könnte es mir nicht egal sein? Ja, schon. Aber diese erwähnten Leute dominieren die Diskussion. Für sie gibt es Zeitschriften, Bücher und Fachgeschäfte. Ich dagegen muss oft erklären, was ich eigentlich will, und muss vieles selber herausfinden – statt in ein Geschäft gehen zu können und dort das, was ich brauche, „von der Stange“ zu bekommen. Ich will doch eigentlich nur fahren, und nicht immer das Rad halb neu erfinden müssen, denn so exotisch sind meine Anforderungen doch eigentlich nicht.

Werden die Bedingungen für Radfahrer besser oder schlechter?

Gute Frage ... schauen wir doch mal:

Vorurteile über das Radfahren

Jedem, der Experte in irgendeinem Gebiet ist, fällt auf, was für Unsinn von vielen Leuten geredet wird – und zwar Dinge, die an sich meist nicht unplausibel klingen, aber trotzdem falsch sind. Gerade beim Radfahren wird auch viel Unsinn behauptet – vermutlich deshalb, weil es ein solcher Breitensport ist, d.h. die allermeisten Leute betreiben es relativ „locker“ und merken somit gar nicht, ob ihre Vorstellung letztendlich unrealistisch ist.

Also, was für seltsame Vorstellungen findet man?

Und warum ist das so? Offensichtlich werden stereotype Vorstellungen selbst in einem so alltagsnahen Bereich ungeprüft übernommen – niemand scheint sich seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu machen.

Schuld sind immer die Anderen

Jeder Liegeradfahrer kennt das: Als Erstes kommt der Ratschlag, man bräuchte doch unbedingt eine Fahne, damit man gesehen wird. Warum eigentlich? Ich sitze kaum tiefer als der Fahrer eines normalen Autos, in einem Sportwagen sitzt man niedriger.

Klar, es ist immer gut, wenn man möglichst gut sichtbar ist. Aber ebenso selbstverständlich ist, dass man ein Fahrrad nicht auf LKW-Format aufblasen kann, nur damit es besser gesehen wird. Diese Aussage zeigt jedoch ein typisches Problem: Der Andere ist schuld. Nicht der Autofahrer, der fährt, ohne zu schauen, sondern der Radfahrer, der sich zu wenig bemerkbar macht. Der Autofahrer tut ja etwas für die Sicherheit, wenn er einen Wagen mit fettem Seitenaufprallschutz hat, durch den die Fenster weit hochgezogen sind, oder wenn er ein SUV fährt, in dem man ja eine viel bessere Übersicht hat – außer zur Seite und nach hinten.

Ich will hier aber nicht gegen Autofahrer schimpfen, sondern es ist ein grundsätzliches Problem. Die meisten Radfahrer biegen ab, ohne zu schauen, meist auch noch ohne Handzeichen, und oft auch noch über rote Ampeln. Nur weil sie so schnarchlangsam unterwegs sind, passiert meist nichts. Oder warum müssen Fußgänger immer die volle Breite eines gemeinsamen Fuß- und Radwegs einnehmen, selbst wenn sie den Radfahrer kommen sehen? Warum motzen sie, wenn man sie am beiseite klingelt, weil sie nach dem Aussteigen aus dem Auto im Weg herumstehen, aber vorher im Auto noch jeden, der sie behindert, angehupt haben? Es ist ein generelles Problem; die Rücksichtslosigkeit von Autofahrern betrifft Radfahrer relativ häufig, aber Radfahrer und Fußgänger sind meiner Beobachtung nach schlimmer.

Gegenwind und Rückenwind: Warum kommt der Wind immer von vorne?

Diese Erfahrung hat sicher schon jeder gemacht: wenn es windig ist, scheint der Wind immer von der Seite oder von vorne zu kommen, aber selten von hinten. Nur Einbildung?
Nein! Denn man spürt nicht den äußeren Wind, sondern auch den Fahrtwind – und da dieser immer von vorne kommt, addiert er sich vektoriell mit dem wahren Wind. Dieser Effekt ist nicht vernachlässigbar, weil der Fahrtwind von der Größenordnung ähnlich wie der wahre Wind ist (außer es herrscht Sturm). Der scheinbare Wind kommt somit tatsächlich meist von vorne. Und das ist wohl das Irritierende: dass man den Fahrtwind nicht mehr einzeln wahrnimmt, sondern nur den richtungsmäßig verdrehten wahren Wind. Genauso, wie beim Autofahren der Regen immer scheinbar von vorne kommt. (Übrigens: ich bin einmal mit einem Flugzeug im Regen gestartet – bei einigen hundert km/h scheinen die Tropfen waagerecht von vorne zu kommen!)

Wind ist also meist hinderlich: je schneller man fährt, desto stärker bremst Gegenwind (weil die Windgeschwindigkeit quadratisch in den Luftwiderstand eingeht), und desto schwächer schiebt Rückenwind. Und wie steht es mit Seitenwind? Wenn der scheinbare Wind genau rechtwinklig zur Fahrtrichtung kommt, dürfte er nicht stören. Aber die Erfahrung sagt, dass das nicht so ist.
Über die Gründe kann ich nur spekulieren: vielleicht zerstört der Seitenwind die laminare Strömung des Fahrtwinds über das Fahrrad, und es bilden sich bremsende Wirbel. Beschrieben wird ein ähnliches Verhalten im Wikipedia-Artikel Kármánsche Wirbelstraße – wenn sich Wirbel gleichmäßig ablösen, bilden sie eine Wirbelstraße, außerhalb derer die Strömung laminar erfolgen kann. Die Wirbelstraße kostet zwar Energie bei der Erzeugung, verbessert jedoch die Stromlinienform des Körpers; wenn die Wirbelstraße durch Seitenwind zerstört bzw. vom Körper weggelenkt wird, fällt dieser Effekt weg.
Im ersten Fall wären vor allem Räder mit guter Aerodynamik in Fahrtrichtung und schlechter in Querrichtung betroffen (z.B. unverkleidete Liegeräder und Rennräder), im Unterschied zu vollverkleideten eiförmigen Geräten. Im zweiten Fall, nämlich der Wirbelstraße, spielt die Aerodynamik des Fahrzeugs in Querrichtung eigentlich keine Rolle, denn das Problem ist, dass die Wirbelstraße zerstört bzw. weggeblasen wird – vor allem Fahrzeuge mit ausgeprägter Wirbelstraße wären betroffen, jedoch nicht solche, deren Strömung recht laminar verläuft (und zwar weitgehend auch noch unter Seitenwind-Einfluss). Das Ganze dürfte schwierig zu vergleichen sein anhand der Fahreigenschaften, weil niedrige Fahrzeuge vom Effekt der bodennahen Grenzschicht profitieren (siehe Magic Scooter) und zudem bei ihnen der Hebelarm der Windkraft kleiner ist, so dass der Wind ein geringeres Drehmoment ausübt, d.h. der Fahrer spürt eine geringere Beeinflussung des Fahrverhaltens, ganz unabhängig von Veränderungen der Aerodynamik.

Warum wirken Ampeln so behindernd?

Radfahren bei vielen Ampeln ist ätzend. Autofahren auch, allerdings gibt es da erstens oft Durchgangsstraßen mit flüssigerem Verkehr, während der Radler bei seiner Routenwahl meist nicht so viele Alternativen zwischen „direkt“ und „zügig“ hat. Zweitens beschleunigt ein Auto im Stadtverkehr besser, so dass es viel mehr mit konstanter Geschwindigkeit fahren kann, während ein typischer Radfahrer weniger Energie in das kraftraubende Beschleunigen investiert und daher länger braucht, bis das durch die Ampel verursachte Geschwindigkeitsdefizit behoben ist. Drittens wird die Geschwindigkeit bei Autos von der Verkehrsdichte und den Tempolimits begrenzt; bei Fahrrädern spielen diese Dinge eine untergeordnete Rolle, was die Wirkung von Ampeln betont. Um schneller als ein anderer Radfahrer zu sein, reicht es also nicht, nur schneller zu fahren; da die Ampeln für beide gleich lang rot sind, muss der schnelle Radfahrer einen größeren Anteil seiner Zeit mit Warten verbringen, d.h. je schneller er fährt, desto geringer sind seine Möglichkeiten der weiteren Fahrzeitverkürzung – selbst wenn man von idealen Straßenverhältnissen und instantaner Beschleunigung auf Reisegeschwindigkeit ausgeht. Zudem müssen beide nicht nach der gleichen Fahrtdauer anhalten, sondern in gleichen Zeitabständen – während der schnelle Radler bereits vor der Ampel wartet, kann der langsame Radler noch die Zeit zum Fahren nutzen, denn die Ampeln zwingen beiden Radfahrern die gleiche „Blockgeschwindigkeit“ auf. Geändert wird das erst, wenn es dem schnellen Radler gelingt, eine Ampelphase zu überspringen – was schwierig ist bei den oft auf Autogeschwindigkeit ausgerichteten Ampeln. Diese Dinge gelten zwar, wie gesagt, genauso für Autos, aber gerade bei Fahrrädern, die weniger Spielraum im Geschwindigkeitsbereich und damit bei der Streckenwahl haben (statt „nehme ich kleine Straßen oder den Umweg über die Autobahn“) und gleichzeitig weniger Einschränkungen durch Tempolimits und Verkehrsdichte (d.h. größere Chancen auf Maximalgeschwindigkeit) unterliegen, wirken sich Ampeln stärker aus – fahrradfreundlich heißt also, dass der Verkehr flüssig sein muss.

Plädoyer für Fahrrad-Schnellstraßen

Wer mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs ist und ein paar Kilometer zu fahren hat, ärgert sich, dass er meist nicht richtig vorwärts kommt. Auch wenn er auf den ersten Blick ideale Voraussetzungen hat, nämlich einen Radweg (was ja bei weitem keine Selbstverständlichkeit ist). Die Ursachen dafür sind vielfältig: Radwege sind eng und unübersichtlich, andauernd versperren parkenden Autos und Lieferwagen den Weg (obwohl ich durchaus Verständnis für die Lastwagenfahrer habe – was sollen sie auch anderes machen?), schlechter Bodenbelag (bei dem man nie sicher sein kann, wie gut oder schlecht gerade die Haftung ist), Ampelkaskaden und so weiter. Diese Dinge begrenzen die effektive Geschwindigkeit, denn ein Fahrrad lebt davon, dass man kontinuierlich zügig fahren kann. Und nicht zuletzt gibt es langsame und schnelle Radfahrer; die Geschwindigkeitsunterschiede sind deutlich größer als beim Auto (Faktor 3 ist keine Seltenheit), aber die Radwege sind so eng und unübersichtlich, dass das Überholen schwierig ist. Auf kurzen Strecken ist es kein Problem, langsam und vorsichtig zu fahren, aber auf längeren Strecken macht sich der Zeitverlust deutlich bemerkbar – man will nicht dazu gezwungen werden, langsam zu fahren, wenn sowohl die äußeren Umstände (z.B. gutes Wetter, schnurgerade Straße, keine Steigung) als auch die eigene Kondition locker ein viel flotteres Tempo hergeben würden. Aber die Realität sieht so aus: In der Innenstadt wird man durch Horden von Fußgängern, Ampelkaskaden (z.B. München Stachus: 4–5 Ampeln, um auf die andere Seite zu kommen), zugeparkten Radwegen und einem Einbahnstraßenwirrwarr ausgebremst, und außerorts gibt es kaum Radwege und dafür immer wieder riskante Raser auf der Straße. Die Randbezirke müssten wegen der lockeren Bebauung und den für den Fahrradverkehr idealen Entfernungen ein perfekter Kompromiss sein, aber in Wirklichkeit gibt es dort am allermeisten Frust – die Radwege sind genauso mies wie in der Innenstadt, die vielen Ampeln sorgen mit ihrer „grünen Welle“ für Autofahrer für eine fast ideale rote Welle für Radler, man ist also kaum schneller, aber die Wege sind weiter. Ein Beispiel: Auf dem Weg nach München kann ich entweder auf dem Radweg an der Bundesstraße entlang fahren, oder ein Stück vor der Stadtgrenze nach Norden abschwenken und über verschiedene kleinere Straßen an der Messe vorbei durch eine dünner besiedelte Gegend fahren. Letzterer Weg ist ca. drei Kilometer weiter, aber ich brauche im Prinzip genauso lange, weil mich kaum Ampeln aufhalten. Dafür habe ich kaum Radwege (d.h. nachts sollte man dort wohl nicht fahren), und die Streckenführung musste ich mir in vielen Versuchen selbst zusammensuchen (viele kleine Wege, unbeschilderte Abzweigungen). Egal wo – man muss als Radfahrer genau wissen, wo welche Hindernisse zu erwarten sind. Diese extrem vorausschauende Fahrweise ist das Schwierige, weil man auch mit einem schnellen Rad nicht besonders gut beschleunigt, d.h. eine hektische Stop-and-Go-Fahrweise kostet viel Kraft und ist dazu auch noch riskant. Und Risiken gibt es genug: Fußgänger, die einfach so auf den Radweg torkeln (aber bei Straßen passiert sowas nie), abbiegende Autofahrer, die die Vorfahrtsregeln nicht kennen, Laubhaufen oder Baustellen mitten auf dem Weg ... selbst auf einem schnurgeraden und scheinbar übersichtlichen Weg darf man nicht damit rechnen, dass alles in Ordnung ist, wenn man sich nur an die Verkehrsregeln hält. Die anderen tun es nämlich nicht. Man ist dazu gezwungen, langsamer zu fahren, als man könnte und selbst der Straßenverlauf hergeben würde.

Oft sind Auto-Durchgangsverkehr und Fußgänger säuberlich getrennt, aber die Radfahrer müssen damit leben, dass die entsprechenden Gebiete einseitig auf die Bedürfnisse von Auto bzw. Fußgänger ausgelegt sind. Eine weitere Abtrennung der Radler ist unnötig, die Beseitigung von Nachteilen und Erschwernissen wäre aber relativ einfach und gleichzeitig effektiv. Das Ziel ist eine Aufteilung nach Geschwindigkeit statt nach Fahrzeugtyp, so dass jeder optimal vorwärts kommt. Es spricht nichts dagegen, dass schnelle Radfahrer in verkehrsberuhigten Bereichen auf der Straße fahren (nur nicht auf der Hauptstraße), dass langsame Radler legal den Fußweg benutzen dürfen, oder dass Inline-Skater auf dem Radweg fahren dürfen, ebenso wie langsame Mofas. Es muss zusammenkommen dürfen, was vom Tempo her zusammenpasst.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Außerorts braucht man nicht mehr Geschwindigkeit, sondern mehr Sicherheit, darum Radwege oder Radfahrstreifen auf der Straße. In der Innenstadt ist es auch relativ klar: höhere Geschwindigkeit durch weniger Hindernisse, also fahrradfreundlichere Ampelschaltungen, übersichtlichere und breitere Radwege – und auch die Möglichkeit für Abkürzungen (weil der tatsächliche Weg in so kleinräumigen Gegenden oft deutlich größer als die Luftlinie ist) durch Öffnung der Einbahnstraßen in Gegenrichtung für Radler und Freigabe der Fußgängerflächen für Radfahrer (natürlich mit Vorfahrt für Fußgänger – wer abkürzt, muss nicht rasen). Am meisten zu tun gibt es in den Stadtrandgebieten. Ideal wäre dort eine Fahrrad-Schnellstraße, auf der man zügig stadtteilübergreifend vorwärts kommt, und die ähnlich ausgebaut ist wie eine Durchgangsstraße für Autos – natürlich in deutlich kleinerem Maßstab. Ich erwarte eine gute Beschilderung (damit man ohne Stadtplan und ohne abzusteigen weiß, wohin man fahren muss), eine ausreichende Breite auch für Überholmanöver (zwei vollbepackter Fahrräder), nicht zu kleine Kurvenradien (damit eine Mindestgeschwindigkeit von ca. 25 km/h durchgehend möglich ist), einen gleichmäßig guten Belag (damit man nicht andauernd nach Schlaglöchern Ausschau halten muss und Hindernisse (z.B. rutschige Stellen) speziell bei Nacht gut erkennt), sowie reflektierende Fahrbahnmarkierungen (damit man sich nachts auf das Fahren konzentrieren kann, statt ständig suchen zu müssen, wo es weitergeht). Generell für alle Radwege sollte selbstverständlich sein, dass gefährliche bzw. unübersichtliche Stellen gekennzeichnet werden (es ist ja selbst bei den kleinsten Nebenstraßen seit Ewigkeiten Standard), dass es möglichst wenige Unterbrechungen gibt (andauernde Seitenwechsel kosten sehr viel Zeit, und jedes Einscheren auf die Fahrbahn nach dem Ende des Radwegs ist riskant; wenn dies unvermeidlich ist, sollten wenigstens die Autofahrer durch entsprechende Kennzeichnung (Schild, Fahrbahnmarkierungen) darauf vorbereitet werden), dass die Blendgefahr möglichst verringert wird (auf Radwegen neben und leicht unterhalb der Straße wird man, wenn man in „Gegenrichtung“ unterwegs ist, vom Abblendlicht der Autos voll erwischt und ist für mehrere Sekunden im Blindflug), und dass der Radweg zumindest rudimentär gereinigt wird (keine verrottenden Blätter Ende Herbst, kein Schnee nach einer Woche Sonnenschein im Winter, kein Splitt mitten im Frühling).

Wie gefährlich ist Radfahren?

Viele Leute schätzen das Radfahren als sehr gefährlich ein. Ist das wirklich so, und wenn ja, was sind die Ursachen? Mir geht es dabei nicht um Zahlen, sondern um qualitative Aussagen.

Ein häufiges Argument: Als Radfahrer hat man keine Knautschzone. Ist wahr, allerdings sind die Geschwindigkeiten auch viel niedriger als beim Auto. Wenn man mit dem Fahrrad mit voller Geschwindigkeit gegen ein Hindernis kracht, ist das ähnlich fatal wie mit dem Auto bei voller Geschwindigkeit. Die kinetische Energie ist proportional zum Quadrat der Geschwindigkeit, d.h. wenn das Auto mit der vierfachen Geschwindigkeit unterwegs ist, muss bei einem Unfall die 16-fache Energie vernichtet werden (wenn die Masse gleich wäre, aber sie ist beim Auto ungefähr um eine Größenordnung höher). Während sich die Durchschnittsgeschwindigkeiten zwischen Fahrrad und Auto manchmal nur um den Faktor 2-3 unterscheiden, ist es bei der Maximalgeschwindigkeit etwa doppelt so viel – und darauf sind die Sicherheitsvorkehrungen beim Auto ausgelegt. Das bedeutet, dass das Auto bei niedrigen Geschwindigkeiten einen besseren Schutz bietet – wenn also in der Stadt ein Auto mit einem Fahrrad kollidiert, ist der Radfahrer eindeutig der Verlierer, wenn sie dagegen jeweils mit Höchstgeschwindigkeit (oder einer anteilig vergleichbaren Geschwindigkeit) gegen ein festes Hindernis krachen, dürfte es keinen prinzipbedingten Gewinner oder Verlierer geben (es hängt stark von der einzelnen Situation ab).

Grundsätzlich ist das Radfahren also nicht besonders gefährlich (wenn man das Auto als Vergleichsmaßstab nimmt). Natürlich gibt es Fälle, in denen Radfahrer auch unter günstigen Voraussetzungen schwere Verletzungen erleiden, beispielsweise wenn sie mit dem Kopf gegen den Bordstein prallen. Das ist aber nicht die Regel, man kann immer Pech haben, auch mit dem Auto. Ignorieren wir diesen Fall. Es gibt jedoch Situationen, in denen man sich mit dem Auto prinzipbedingt leichter tut – nämlich bei schwierigen Straßenverhältnissen. Bei Glatteis oder Rollsplitt rutscht ein Auto ein bisschen, aber ist meist noch sehr gut beherrschbar (so lange die Geschwindigkeit angepasst, d.h. nicht zu hoch ist), während man mit dem Fahrrad schnell stürzt. Hier ist das Fahrrad im Nachteil, weil es nur zwei Räder hat, und das bedeutet, dass man in solchen Situationen einfach sehr vorsichtig sein muss. Also bei Splitt in Kurven sehr langsam fahren, und bei Glatteis-Gefahr auf das Radfahren lieber verzichten. Angesichts diesen bauartbedingten Nachteil des Fahrrads erscheint es unverständlich, dass Radwege deutlich schlechter gepflegt werden als Straßen.

Wenn es zu einem Unfall kommt, egal wie leicht oder schwer, dann in den allermeisten Fällen wegen einer unerwarteten Situation. Das ist ziemlich unabhängig von der Geschwindigkeit; wer beispielsweise mit dem Auto auf einer leeren Autobahn mit Tempo 200 unterwegs ist, wird keinen besonderen Stress empfinden, sondern völlig entspannt dahingleiten. Aber jede Störung dieses „entspannten Normalbetriebs“ sorgt für unvorhersehbare Situationen und erhöht damit die Unfallgefahr und verursacht Stress. Solche Störungen sind z.B. Überholvorgänge (besonders bei wenig Platz, d.h. ohne Überholspur), Kreuzungen, Einmündungen (v.a. unübersichtliche Stellen), unerwartete Hindernisse, Fußgänger, eine schlechte Beschilderung, schlechte Beleuchtung bei Nacht (z.B. keine Straßenmarkierungen und Begrenzungspfosten), unerwartete Kurven usw.
Bemerkenswert ist, dass für Radfahrer derartige Situationen viel häufiger sind. Während Autofahrer solche kaum ausgebauten Straßen nur als winzige Nebenstrecken kennen, die von Dorf zu Dorf führen und alleine durch ihre Breite das Tempo niedrig halten, ist es der Normalfall auf Radwegen, selbst und gerade neben Hauptverkehrsstraßen. (Das führt zur bizarren Situation, dass der Autofahrer auf seiner perfekt ausgebauten Straße keine Ahnung hat, wie unübersichtlich der Radweg ist und wie entsprechend schlecht Radfahrer Abzweigungen und Einmündungen überblicken können – er rechnet einfach nicht mit plötzlich auftauchenden Radfahrern, weil aus seiner Sicht die Straße perfekt übersichtlich erscheint.) Und wenn der Radfahrer auf der Straße unterwegs ist, sorgt für Stress, dass er teilweise alle paar Sekunden überholt wird, trotz Gegenverkehr auf der anderen Fahrbahn. Darum sollte man einmal vergleichen, wie viel Stress und Aufmerksamkeit jeweils nötig ist, wenn man mit einem Auto oder mit einem Fahrrad bei ähnlichen Bedingungen unterwegs ist. Das Autofahren ist meist sehr viel entspannender, weil man einfach viele Dinge voraussetzen kann – z.B. kann man sich auf der Autobahn sicher sein, jede Ausfahrt mit Tempo 80 nehmen zu können, auch wenn man sie noch gar nicht kennt, und dass die Straße frei von Hindernissen und Schmutz sein wird und im Winter perfekt gestreut ist. Ein Radfahrer darf das alles nicht voraussetzen, sondern muss von Sekunde zu Sekunde leben.

Fazit: Ein Fahrrad ist also nicht grundsätzlich unsicherer als ein Auto, erst recht nicht, wenn man kritische Straßen- und Witterungsverhältnisse kennt und sich danach richtet. Trotzdem kommt es – zumindest wenn man mit dem Fahrrad zügig unterwegs ist – deutlich häufiger zu kritischen Situationen, was aber einzig an der Unübersichtlichkeit und Unbrauchbarkeit vieler Radwege und der Rücksichtslosigkeit bzw. Träumerei von Autofahrern und Fußgängern liegt. Das sind im Prinzip unnötige Gefährdungen, gleichzeitig jedoch besonders tückisch, weil sich der Radfahrer nicht darauf vorbereiten kann (im Unterschied z.B. zu Witterungsverhältnissen oder der Topographie) – sie kommen unerwartet.

Gewöhnung ist wichtig!

Wie bereits erwähnt bildet beim Radfahren der Fahrer eine Einheit mit dem Rad – die Leistung hängt nicht nur vom Fahrrad ab, sondern auch vom Fahrer. Er ist der Motor, er muss gut mit dem Fahrrad zusammenarbeiten, statt nur auf das Gaspedal drücken. Ich habe im Laufe der Jahre einige Erfahrung gesammelt, wie wichtig es ist, gut an ein Fahrrad gewöhnt zu sein:

Aus diesem Grund ist es auch so schwierig, eine Antwort zu geben auf die Frage, ob ein Fahrrad „gut“ ist oder wie es im Vergleich zu einem anderen Fahrrad ist. Selbst der direkte Vergleich ist schwierig, denn ein Fahrrad muss (aus Effizienzgründen) spezialisiert und der Fahrer entsprechend daran gewöhnt sein; es ist dann gut, wenn der Fahrer gut damit zurecht kommt und das tun kann, was er damit tun will.

Tandemfahren ist anders!

Als Laie denkt man, das Tandemfahren sei doch ganz einfach und normal. Man ist eben immer zusammen mit seinem Partner, kann sich beim Treten gegenseitig unterstützen, und hat einen geringeren spezifischen Luftwiderstand. Das stimmt zwar alles, aber es gibt noch folgende Punkte:

Autoscheinwerfer – Sicherheit für wen?

Alle paar Jahre beschert uns die Industrie verbesserte Scheinwerfer für Autos, und unisono loben alle die verbesserte Sicherheit. Aber für wen ist diese Sicherheit? Für die Autofahrer? Vielleicht hatten die Autos vor zwanzig, dreißig Jahren noch dunkle Funzeln, mit denen man in manchen Situationen zu wenig gesehen hat. Na gut, dann hätte man einfach langsamer fahren müssen. Aber seit die Autos Halogenlampen haben, dürfte jede Bundesstraße angemessen ausgeleuchtet sein. Warum müssen die Autos jetzt auch noch mit Xenon-Lampen ausgestattet werden? Sicher, sie bringen noch mehr Licht, Energie produziert der Automotor sowieso im Überfluss, und die Straße wird noch weiter ausgeleuchtet. Aber ist das wirklich nötig? Wer da zustimmt, sollte sich vielleicht erst mal beim Optiker durchchecken lassen.

Denn die Kehrseite der Medaille: wer lichttechnisch nicht dagegen halten kann, hat verloren. Wenn man mit dem Fahrrad nachts außerorts auf dem Radweg unterwegs ist, wird man bereits vom normalen Abblendlicht der Autos so stark geblendet, dass man für wenige Sekunden nichts sieht. Obwohl man am Fahrrad eine Lichtanlage hat, die ungefähr eine doppelt so hohe Lichtleistung bieten wie vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Erschwerend sind die Radwege meist etwas tiefer als die Straße gelegt, und es gibt nur einen Radweg für beide Richtungen (was für die Anzahl der Radfahrer auch vollkommen ausreicht). Aber das Abblendlicht der Autos leuchtet nach rechts unten, und damit den Radfahrern, die in „falscher Richtung“ unterwegs sind, mitten in die Augen. Der Autofahrer erkennt den Straßenverlauf, keine Kunst bei zig Watt Lichtleistung, reflektierenden Fahrbahnmarkierungen, reflektierenden Pfosten an der Seite und einer nur mit sanften Kurven ausgestatteten Trassenführung. Aber der Radfahrer? Der ist bei jedem Auto, das entgegen kommt, für ein paar Sekunden blind, und muss trotzdem mit bestenfalls zwei Watt Lichtleistung einem unmarkierten Radweg folgen, der oft noch scharfe Kurven (auf die natürlich kein Warnschild hinweist) enthält.

Wie sieht die Zukunft aus? Werden bald der Sicherheit wegen Röntgenröhren in die Autos eingebaut, damit der Fahrer durch Bäume, Häuser usw. einfach durchschauen kann? Ich bin für folgenden Vorschlag: wir reduzieren die Lichtleistung wieder auf ein normales Maß, und die Autos werden mit Nachtsichtgeräten ausgestattet. Damit fällt das Blendproblem komplett weg (das Nachtsichtgerät verstärkt nur schwaches Licht, aber nicht starkes), und es könnte sogar Energie gespart werden (es wird nur das Licht verstärkt, das die Augen erreicht, statt die ganze Umgebung taghell zu erleuchten). Sorry, ein bisschen Utopie musste jetzt einfach sein.

Fahrrad-Abstellplätze als schmückendes Beiwerk

Kürzlich habe ich die Pläne für die Umgestaltung unseres Bahnhofs gesehen. Kernstück ist ein Parkdeck statt des chronisch überfüllten Parkplatzes, und ein zweiter Zugang zum Bahnsteig auf der anderen Seite. Neben der Frage, wie diese beiden Dinge gelöst werden sollen, interessierte mich natürlich auch, was mit den Fahrradständern passieren soll. Es war eine Enttäuschung: obwohl die Fläche umgebaut wird, werden danach die gleichen Fahrradständer installiert. Auch wenn es jetzt schon zu wenige gibt (künftig wird es deutlich mehr Parkplätze als Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geben) und im Sommer Stangen und Zäune in der weiten Umgebung als Absperrmöglichkeit für Räder dienen müssen. Ein Fahrradständer am neuen Westzugang wurde sogar komplett vergessen.

Dieser Fall ist leider sehr typisch. Fahrradständer sind nur schmückendes Beiwerk für Architekten; wenn sie überhaupt drandenken, einen zu installieren (und auch noch an einer nicht allzu dämlichen Stelle), dann wird meist das Standardmodell genommen, in dem erstens das Fahrrad nicht ordentlich steht (wenn es nur am Vorderrad gehalten wird, ist das zu instabil; besser ist, wenn man das Fahrrad mit dem Rahmen irgendwo dagegen lehnen kann), zweitens man es nicht richtig absperren kann (Fahrräder muss man am Rahmen absperren können, ansonsten baut jemand das Vorderrad aus und klaut den Rest) und drittens bestimmte Fahrradtypen einfach nicht hineinpassen (z.B. Mountainbike: Reifen zu dick, Lenker zu breit). Aber es gibt doch Alternativen: am besten die bügelförmigen Ständer, an die man die Räder anlehnen und mit dem Rahmen ansperren kann. Sie brauchen zwar etwas mehr Platz, aber ich bin mir sicher, dass sich so ein Ständer nicht so schnell in eine Schrotthalde demolierter Räder verwandelt wie normale Bahnhofs-Fahrradständer.

Aber nicht nur die Ständer bieten oft Anlass zur Kritik. Auch die Plätze, an denen sie aufgestellt werden, sind nicht selten unglücklich gewählt. Niemandem nutzen Fahrradständer in einer abgelegenen dunklen Ecke, niemand braucht riesige Abstellanlagen im Outback, sondern die Abstellplätze sollten unmittelbar da sein, wo man sie braucht – beispielsweise sollten an größeren Gebäuden an jedem Eingang ein Fahrradständer sein. Klein, fein und dezentral, so dass jeder sein Rad so nah wie möglich an seinem Ziel parken kann. So etwas braucht ja wirklich nicht viel Platz und sollte überall machbar sein.

Bei einem billigen Fahrrad ist das Preis-Leistungs-Verhältnis besser, oder?

Im Supermarkt oder Baumarkt begegnen einem immer wieder Fahrräder zu wahren Schleuderpreisen. Was taugen die? Wo ist da der Haken? Natürlich findet man dort keine fachmännische Beratung, keine kostenlose Erstinspektion, keine wunschgemäße Abstimmung auf persönliche Bedürfnisse oder sonstige wertvolle Kleinigkeiten, wie sie in Fachgeschäften üblich sind. Diese Serviceleistungen erleichtern gerade dem Laien, ein Fahrrad zu finden, das auf seine Bedürfnisse optimal abgestimmt ist, und darauf kommt es letztendlich an – nachdem man nicht wie bei einem Auto einfach einen beliebig starken Motor einbauen kann, ist ein gutes Fahrrad stets das persönliche Optimum zwischen „so wenig wie möglich“ und „so viel wie nötig“. Angesichts dessen ist es eigentlich unverständlich, dass gerade Fahrrad-Laien ohne Beratung im Baumarkt kaufen; bei einem Käufer mit Fachwissen ist das anders (aber interessanterweise kaufen gerade diese Leute oft sehr teure Fahrräder).

Aber auf was verzichtet man sonst noch, neben dem Service? Dass die billigsten Komponenten verbaut werden, ist klar. Andererseits sind diese technisch ihren hochpreisigen Geschwistern lediglich um ein paar Jahre hinterher, d.h. zwar nicht der neueste Schrei und sicher auch nicht superleicht und gleichzeitig endlos stabil, aber das braucht auch nicht unbedingt jeder (womit wir wieder beim persönlichen Optimum wären). Es gibt immer wieder mal Berichte über gefährliche Schwachstellen an Billigrädern (z.B. brechende Vorderradgabeln), aber so etwas ist selbst bei Billigrädern keinesfalls die Regel. Klar, ein Profi-Radsportler darf sich auf so etwas nicht verlassen – wer von den Belastungen her ans Limit geht, sollte es nicht auch noch beim Preis tun. Aber wie ist es beim Durchschnitts-Langsam-und-Wenigfahrer? Er braucht weder maximale Stabilität noch geringstmögliches Gewicht.

Man könnte also sagen: Die Preise von Billig-Fahrrädern sind wirklich gut. Wer mit gewissen Einschränkungen leben kann, spart eine Menge Geld. Natürlich muss man damit rechnen, dass öfter etwas kaputt geht und man mehr Geld und Zeit in Reparaturen stecken muss. Aber wenn das Rad nur ein Zehntel im Vergleich zur Edel-Variante gekostet hat (bei vergleichbarer Ausstattungsfülle, z.B. Vollfederung), dann bleibt viel Geld für Reparaturen und auch großzügigere Aufrüstungen übrig – notfalls kauft man sich gleich ein ganz neues Rad, statt das alte zu reparieren.

Aber es gibt einen Punkt, den man nicht vergessen darf: Es macht irrsinnig Spaß, mit einem perfekt funktionierenden und optimal abgestimmten Fahrrad zu fahren. Das ist mit einem Billig-Teil, bei dem immer irgend etwas Ärger macht, einfach nicht zu erreichen. Nur bei einem teuren, hochwertigen, leicht laufenden Fahrrad kann man sich auf die Technik verlassen, lange Touren unternehmen ohne die nächste Reparatur gleich vor Augen zu haben, steile Passstraßen mit rasantem Tempo herunterfahren ohne Angst haben zu müssen, dass gleich irgend ein Teil in voller Fahrt kollabiert usw. – ein hochwertiges Fahrrad macht einfach mehr Spaß, wird aus diesem Grund öfter benutzt und meist auch schneller gefahren. Aber eine rasante Fahrweise und eine Benutzung bei allen Wetterbedingungen erhöht den Verschleiß deutlich, dazu kommt noch die häufigere Benutzung. Wenn also jemand sagt, sein altes verrostetes Hollandrad sei mindestens genauso zuverlässig wie ein sündteures Mountainbike, der sollte die Räder erstmal bei der gleichen Fahrweise testen – das „langsame“ Fahrrad lässt sich durch schnelle und kraftvolle Fahrweise oft sehr schnell hinrichten, lediglich die typischerweise verrostete Kette, schwergängige Schaltung etc. sorgen dafür, dass man im unteren Geschwindigkeitsbereich bleibt, in dem jedes Fahrrad ewig hält. Wenn das Rad dann auch noch sehr massiv gebaut ist, ist es sowohl sehr stabil als auch so schwer, dass man damit eine aggressive Fahrweise weder zustande bringt noch zustande bringen will (es macht keinen Spaß). Kein Wunder, dass es dann ewig hält.

Zusammenfassung: Die Suche nach dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis spricht tatsächlich für Billigräder – aber dies ist kein gutes Kriterium für den Fahrradkauf. Als dritte Größe muss der Spaß mit einfließen – da beim Fahrrad der Mensch als Motor dient, muss man die Einheit aus Fahrrad und Fahrer betrachten, und der Fahrer ist nur dann ein guter Antrieb, wenn es ihm Spaß macht, d.h. bei der Betrachtung von Preis und Leistung muss man nicht nur die Leistung der Technik, sondern auch die des Menschen berücksichtigen und was dieser benötigt, um die Leistung bringen zu können (d.h. sowohl die technische Unterstützung als auch die Motivation). Das ist der große Unterschied zum Autokauf, wo allein die Technik entscheidet. Wer an der Leistungsfähigkeit des Fahrrads spart (welche Geld kostet), spart auch an seiner eigenen Leistungsfähigkeit (welche es gratis dazu gibt, wenn sie das Fahrrad erlaubt). Man muss nicht nur in den Gegenstand Fahrrad, sondern letztendlich auch in sich selber investieren. Radfahren dient ja auch der Fitness und Gesundheit, und dort sitzt das Geld meist viel lockerer – wenn der Arzt etwas verschreibt, wird das von den meisten Leuten gekauft, ohne mit der Wimper zu zucken; und wenn man sich anschaut, was ein Fitness-Center-Abo kostet, kann man sich dafür schnell ein gutes Fahrrad leisten. Und nicht zuletzt: Es zählt auch die absolute erreichbare Leistung – was hilft einem ein Fahrrad mit exzellentem Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn dabei die absolute Leistung unbefriedigend ist, d.h. wenn man das, wofür man das Fahrrad gekauft hat, nur unvollständig machen kann?

Tuning an der Optik statt Qualität

Es ist schon seltsam: wenn man den Katalog eines großen Fahrradversands durchblättert oder in ein großes Fahrradgeschäft geht, findet man eine riesige Auswahl von Standardkomponenten und Teilen für Mountainbiker. Lenker und Vorbau in jeder Größe und Art, Bullhorns in diversen Bauformen, die verschiedensten Patente, um das Einklemmen der Kette an Rahmen oder Kettenblatt zu verhindern, Neopren-Schutzhüllen für Streben, Federelemente und Lager, Designer-Flaschenhalter und sogar eine Gangschaltung, die mit Druckluftpatronen arbeitet.

Eigentlich ganz schön, dass es so eine Auswahl gibt – aber sie ist sehr einseitig. Der Mountainbiker findet alles, um sein Rad noch etwas geländefester oder noch ein paar Gramm leichter zu machen, der Rennradler wird auch bedient – aber bei Standardkomponenten schaut es oft sehr düster aus, wenn man Qualität haben will. Gute Dynamos muss man beispielsweise mit der Lupe suchen; klar, es gibt den SON-Nabendynamo, dann noch ein paar ordentliche Seitenläufer, und gute Lampen werden von Busch&Müller hergestellt. Klar, Billig-Teile bekommt man in jedem Supermarkt nachgeschmissen, aber angesichts dessen, dass eigentlich jedes Rad eine Beleuchtung braucht, ist das Angebot an wirklich zuverlässigen Lampen und Dynamos winzig.

Und was ist mit den bisher noch ungelösten Problemen? Zum Beispiel mit einer besseren Wetterfestigkeit? Wenn man bei Regen radelt, wird das Fahrrad nicht nur dreckig, auch der Verschleiß steigt massiv an: Öl wird weggewaschen, und Dreck von der Straße schleift Kettenglieder und Alufelgen in Rekordzeit kaputt.

Will denn wirklich niemand ein alltagstaugliches Rad? Wollen wirklich alle Zuverlässigkeit nur dadurch erreichen, dass man Dinge, die kaputt gehen könnten, weglässt? Weiß der durchschnittliche Fahrradkäufer eigentlich, dass es sehr wohl gute Komponenten gibt? Oder glaubt er tatsächlich, dass es gute Räder für 200 Euro im Baumarkt gibt? Irgend einen Grund muss es ja dafür geben, dass Räder ohne Licht, Gepäckträger und Schutzblech als professionell angesehen werden, und dass ihre Fahrer in bunt gescheckter Profi-Kleidung am Wochenende die Radwege in Beschlag nehmen und einen Fahrstil haben, der einer Kreuzung aus Sonntagsfahrer und Schlaftablette entspricht.

Ist ein dichter Schlauch wirklich dicht?

Rechnen wir doch einfach überschlagsmäßig nach: ein normaler Fahrradreifen hat einen Umfang von 13 cm und einen mittleren Durchmesser von 62 cm (26-Zoll-Reifen). Das macht ein Volumen von 13 * 62 * pi = 1266 cm3 = ca. 1,3 Liter. Wenn man in den Reifen einen Druck von 4 bar reinpumpt, so hat man 4 * 1,3  = ca. 5 Liter Luft reingepackt (nach dem Gasgesetz: p * V = n * R * T, d.h. der Druck ist direkt proportional zur Stoffmenge n, für den vierfachen Druck braucht man vier mal so viele Luftmoleküle). Nach einem Jahr ist schätzungsweise nur noch der halbe Druck drinnen, d.h. in diesem Jahr sind 2,5 Liter Luft entwichen. Wenn man diese Luft als ideales Gas ansieht (stimmt recht gut), dann hat ein Mol 22,4 l. Es ist also rund ein zehntel Mol entwichen. Ein Mol hat definitionsgemäß 6,0221367*1023 Teilchen, also ist in einem Jahr ein Zehntel dieser Menge entwichen, und das macht pro Sekunde immer noch sagenhafte knapp zwei Billiarden Gasmoleküle!!!

Sind gute Bremsen böse?

Oft hört man von Leuten, die nur selten mit dem Fahrrad fahren, dass sie sich über die gefährlichen Bremsen an modernen Fahrrädern aufregen. Viele von ihnen haben auf einem modernen Fahrrad in einer Schrecksituation die Bremsen mit aller Kraft gepackt, wodurch die Räder blockierten und ein Sturz die Folge war. Aber warum passierte ihnen das? Meistens, weil sie vorher ein billiges Fahrrad mit schlechten Bremsen hatten, das auch noch schlecht gewartet war; solange man vorsichtig und langsam damit fährt (und mehr wollen viele Leute nicht), mag das vertretbar sein. Wer schneller fährt, braucht bessere Bremsen, darum haben Räder mit guten Gangschaltungen (= schneller) auch gute Bremsen. Nur weil jemand bisher mit einem technisch fahrlässigen Gerät unterwegs war, heißt das nicht, dass ein neues Fahrrad auch so gestaltet sein muss, dass man beliebig fest am Bremshebel reißen kann – bei einem Auto (ohne ABS) beschwert sich doch auch niemand über die Bremsen, wenn man bei zu starker Betätigung ins Schleudern kommt. Man sollte dagegen froh sein, dass man die Bremsleistung feinfühliger dosieren kann und immer reichlich Reserven da sind. Es hilft nichts, von den Herstellern künstliche Beschränkungen der Bremsen zu fordern – nur ABS wäre sinnvoll, aber mangels motorbetriebenem Bremskraftverstärker auf dem Fahrrad kaum umsetzbar –, sondern Betroffene sollten sich entweder an die Bremsen an ihrem neuen Radl gewöhnen, oder ein anderes Fahrrad wählen. Vielleicht eines, bei dem man aufrechter sitzt => geringere Sturzgefahr über den Lenker, oder sogar ein Liegerad (z.B. ein Scooter – keine Umgewöhnung, keine schlechtere Sicht, ...). Literatur: man wundere sich über www.radtipps.de/ru.

Warum setzen sich optimierte Fahrradkonzepte nicht durch?

Was hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der Fahrradtechnik getan? Auf den ersten Blick enttäuschend wenig, die Fahrräder sehen noch genauso aus wie vor fünfzig Jahren. Im Detail gab es Verbesserungen, beispielsweise haben die Kettenschaltungen in den 1980er- und 1990er-Jahren eine unglaubliche Weiterentwicklung erfahren, bei den Nabenschaltungen hat die Speedhub neue Maßstäbe gesetzt (und weitere Schaltungen nach sich gezogen), die ganzen Federungen sind aus dem Nichts hervorgekommen und haben eine weite Verbreitung gefunden – aber neue Konzepte wie Liegeräder („neu“ deshalb, weil – obwohl es diesen Fahrrad-Typ auch schon Ewigkeiten gibt – die Entwicklung zu einem High-Tech-Produkt erst Ende des 20. Jahrhunderts passiert ist). Dabei haben solche Fahrradtypen unbestreitbar bestimmte Vorteile – mit einem Liegerad kann man schneller fahren, mit einem Velomobil ist man vor Witterungseinflüssen geschützt (und zumindest auf ebener Strecke ist man sehr schnell, in anderen Situationen macht sich das hohe Gewicht bemerkbar), und ein Sesselrad ist sehr komfortabel, gerade für längere Strecken. Das soll nicht heißen, dass diese Fahrradtypen dem konventionellen Diamantrahmen generell überlegen sind – aber es gibt eben Situationen, in denen sie besser geeignet wären (darum „optimiert“).

Durchgesetzt haben sich also Detailverbesserungen an Standardkomponenten, die eine größere Zuverlässigkeit bringen. Weil es sich eben um Standardkomponenten handelt, ist der Aufpreis gering, so dass sie im Laufe einiger Jahre bis zu den billigsten Fahrradkategorien durchgesickert sind; zudem dürfte sich im Bewusstsein der Leute verankert haben, dass man die neuartige Komponente wegen ihrer zunehmenden Verbreitung auch selber unbedingt haben sollte. Ein evolutionärer Vorgang. Bei komplett anderen Fahrradkonzepten ist das anders – dort muss man sich entscheiden, es gibt ein „entweder oder“ statt einem „identisch, aber besser“. Zudem ist wegen der geringeren Stückzahlen der Preisunterschied prinzipiell höher. Es ist also mehr eine bewusste Entscheidung dafür gefragt, statt „wenn es schon dabei ist, nehme ich es“. Und wann entscheidet man sich für etwas, das deutlich anders und teurer ist? Wenn man merkt, dass man mit dem alten Konzept nicht weiter kommt. Vielfahrer erreichen diesen Punkt, der durchschnittliche Radfahrer aber nicht. Warum sollte Otto Normalverbraucher ein Liegerad fahren, wenn er so langsam unterwegs ist, dass ihm die windschnittigere Form gar nichts bringt? Warum sollte er ein Sesselrad nehmen, wenn er nur höchstens wenige Kilometer fährt, die er auf jeder Schrottmühle zurücklegen kann? (Und warum sollte er in eine teure Lichtanlage investieren, wenn er sowieso nur tagsüber unterwegs ist? Ich sehe das als Grund dafür, warum die Entwicklung und speziell Verbreitung bei den Lichtanlagen im Unterschied zu anderen Komponenten so schleppend verläuft.) Der Markt für hochwertige alltagstaugliche Fahrräder ist deshalb prinzipiell begrenzt. Bei einem Auto ist das anders – ich kaufe es, und kann damit gleich Höchstgeschwindigkeit fahren. Ein Radfahrer muss dagegen erst einmal viel fahren, bis er die Vorteile guter Fahrräder nutzen kann und zu schätzen weiß. Dieses Stadium erreicht Otto Normalverbraucher nie. Selbst Vielfahrer, die ihr Rad als reines Sportgerät sehen, haben einen ziemlich eingeschränkten Anwendungsbereich und interessieren sich deshalb ausschließlich für Detail-Lösungen wie Carbon-Rahmen und Luftfederungen, aber nicht für die allgemeine Eignung als Verkehrsmittel.

Das ist ein Henne-Ei-Problem, welches aber nicht nur die Fahrzeuge selbst betrifft, sondern auch die Infrastruktur. Der typische Sonntagsradler kann mit den heutigen Straßen und Radwegen leben. Es macht ihm nichts aus, über Feldwege zu fahren, und bei roten Ampeln rollt er einfach im Schneckentempo drüber. Macht ja nix; ist zwar illegal, aber meist recht ungefährlich. Der ambitionierte Alltagsradler will dagegen schnell von A nach B kommen, und da stören schlechte Wege und eine schlechte Ampelschaltung sehr wohl – gerade auch, weil bei hoher Geschwindigkeit das Risiko steigt und man deshalb Verkehrsregeln nicht einfach ignorieren kann. Darin sehe ich die Übermacht der Auto-Lobby im Vergleich zu den Radfahrern begründet (obwohl es zahlenmäßig auch sehr viele Radfahrer gibt), weil die Defizite und Notwendigkeiten im Autoverkehr jedem Autofahrer klar sind, während nur eine Minderheit der Radfahrer (zu der die Radwegplaner, sollten sie selber Fahrrad fahren, definitiv nicht gehören) das Potenzial des Fahrrads stärker ausschöpfen kann und damit die Probleme erkennt.

Warum ist ein Auto so viel zuverlässiger?

Beispiel: Ein Automotor, der bei 3000 Umdrehungen pro Minute eine Leistung von 100 PS liefert, erzeugt damit folgendes Drehmoment: 100 PS = 73,55 kN * m/s; 3000 U/min = 50 U/s = 50 * 2 * π rad/s = 314,16 rad/s; 73,55 kN / (314,16 rad/s) = 234 Nm. Bein einem Fahrrad sieht das so aus: Wenn der Fahrer mit voller Kraft (Gewicht: 75 kg) auf ein Pedal tritt (Tretkurbellänge: 17 cm), ergibt sich ein Drehmoment von 75 kg * 9,81 m/s^2 * 0,17 cm = 125 Nm – der Radfahrer kommt also vom Drehmoment her in eine ähnliche Größenordnung, hat gleichzeitig das viel fragilere Fahrzeug (wobei man sagen muss, dass es sich angesichts des Gesamtgewichts beim Auto auch nicht lohnen würde, gerade bei den belasteten Teilen Gewicht zu sparen). Kein Wunder, dass ein Auto-Getriebe viel länger hält als eine Fahrradkette.

Warum hat ein Fahrrad einen derart schlechten cW-Wert?

Wenn man den Energieverbrauch eines Fahrrads durchrechnet, stellt man fest, dass ein sparsames Auto wie der VW Lupo bezogen auf dessen Gewicht und Geschwindigkeit einen extrem geringen Energieverbrauch im Vergleich zum Fahrrad hat. Oder man sieht, dass ein Auto bei 80 km/h in der Ebene noch locker dahinrollt, wenn man ausgekuppelt hat, während ein Mountainbike selbst bei 10% Gefälle ohne Antrieb kaum schneller als 50 km/h wird. Es kann nur am Luftwiderstand liegen – da das Fahrrad eine sehr kleine Frontfläche hat, muss sein Luftwiderstandsbeiwert (cW-Wert) miserabel sein. Ist ja auch klar: ein Fahrrad hat keine Spoiler, keine glatte Oberfläche, und die aerodynamisch günstige Tropfenform wird bei weitem verfehlt. Würde es helfen, dem Fahrrad eine entsprechende Verkleidung zu spendieren? Eigentlich nicht. Denn der Luftwiderstand hängt stark (d.h. quadratisch) von der Geschwindigkeit ab, daher ist ein geringer cW-Wert für ein Auto wesentlich wichtiger. Bei ihm spielt gegenüber der damit gesparten Energie das Zusatzgewicht keine Rolle, während bei einem Fahrrad das Gewicht einer Vollverkleidung bei einem nur durchschnittlich trainierten Fahrer (d.h. entsprechend langsamer Geschwindigkeit) bei Steigungen stärker behindert als durch optimierten Luftwiderstand gewonnen werden kann.

Warum gibt es am Fahrrad immer nur Änderungen im Detail?

Jemand hat einmal sehr passend festgestellt: Es gibt nur eine Handvoll Autohersteller, die relativ bekannt sind, aber Unmengen von Zulieferern, deren Namen niemand kennt. Beim Fahrrad ist es umgekehrt, dort gibt es unzählige Fahrradhersteller, aber die Komponenten kommen von ein paar wenigen bekannten Firmen. Ursache? Primär wohl, dass ein Fahrrad aus wesentlich weniger Teilen besteht, die auch eine kleine Klitsche zusammenschrauben kann; allerdings sind diese Teile viel stärker auf Gewicht optimiert, deren Entwicklung und Herstellung ist also anspruchsvoller.

Diesen Umstand spiegelt auch die Entwicklung des Fahrrads wider, zumindest in den letzten Jahren: Die Entwicklung fand vorwiegend in den Komponenten statt. Jedes Jahr kommen neue Komponenten heraus, die technisch noch etwas raffinierter als die Vorgänger sind, und zwar aufeinander abgestimmt als komplette Produktfamilie. Bei den Rändern selbst beschränkt sich der Unterschied zum Vorgänger allerdings meist auf die Rahmenfarbe.

Das bedeutet: Alle Hersteller schrauben immer nur Komponenten zusammen; diese werden zwar immer besser – aber niemand macht sich Gedanken über das Gesamtkonzept. Das spielt zwar für puristische Sport- und Spaß-Räder keine große Rolle, jedoch für alltagstaugliche Fahrzeuge mit Schutzblechen, Federung und Beleuchtung. Ist das vielleicht der Grund, warum es doch etliche Leute gibt, die auf fast sämtliche Anbauteile verzichten, mit dem Argument, das Rad sähe dann eleganter aus? Ich halte nichts davon, denn was nutzt mir eine elegante Optik, wenn das Ding in der Praxis unbenutzbar ist. Aber ist diese Denkweise vielleicht mit ein Grund für die zunehmende Beliebtheit von Singlespeedern?

Zumindest sollte einem das zu denken geben. Bei Fahrrädern sind tatsächlich die Anbauteile für einen Großteil des Gewichts und viel Komplexität verantwortlich. Aber ein Fahrrad muss nicht unbedingt entweder nackt oder überladen wirken. Es ist dringend nötig, dass sich die Hersteller Gedanken über das Gesamtkonzept machen, statt das Fahrrad nur als Ansammlung von unabhängigen Teilen zu sehen. Aber dazu müssen sie auch bereit sein, selber mehr zu sein als nur Nobel-Schrauber – nämlich Visionen haben.

Das Fahrrad als Fitnessgerät

Wer etwas für seine Gesundheit und Fitness tun möchte, geht typischerweise ins Fitness-Center oder macht Jogging. Letzteres ist wie das Radfahren eine Ausdauer-Sportart; wie ist es im Vergleich zum Radfahren?
Was viele Sportler am Jogging schätzen dürften, ist die Unkompliziertheit. Man braucht, außer Schuhen, kein Sportgerät und auch keinen speziellen Ort dafür, nicht einmal spezielle Wege oder ein spezieller Untergrund sind nötig – laufen kann man praktisch überall. Zudem legt man zwar eine gewisse Strecke zurück, braucht jedoch nicht so viel Platz, dass man praktisch zwangsläufig mit dem Straßenverkehr in Berührung kommt – bei der Wahl der Strecke ist man kaum Zwängen ausgesetzt.

Beim Radfahren sind diese Dinge anders. Zumindest wer es für die Fitness tut, gibt sich nicht mit einem Feldweg oder Trampelpfad zufrieden, sondern braucht eine Straße oder einen Radweg. Gleichzeitig ist die Geschwindigkeit so hoch, dass man im innerstädtischen Straßengewirr oder in verspielt angelegten Parkanlagen vor lauter Hindernissen und unübersichtlichen Stellen keinen echten Spaß hat. Man hat einen viel größeren Aktionsradius und muss dafür fast zwangsläufig die Straße benutzen, mit allen Konsequenzen. Es ist nicht so leicht, sich gedankenverloren vorwärts zu bewegen, wie das vielleicht beim Jogging ist, sondern man braucht mehr Konzentration auf die Tätigkeit. Aber es genau das macht das Radfahren auch faszinierend: die Reaktionsfähigkeit wird trainiert, und wegen der viel größeren Strecken, die man zurücklegen kann, gibt es mehr Abwechslung – man lernt mehr neue Gegenden kennen. Auch im Bewegungsablauf bietet das Fahrrad als Vermittler zwischen den Fähigkeiten der menschlichen Muskeln und den Erfordernissen des Geländes einen größeren Gestaltungsspielraum. Wer will, kann aggressiv beschleunigen und wild die Berge hinaufbolzen, oder er kann seinen Kraftaufwand sehr konstant halten, unabhängig von der Geländeform. Man kann eben beides – sowohl seine Ausdauer als auch seine Kraft trainieren, alles dank der Gangschaltung mit nur einem Sportgerät. Damit bekommt die Taktik im Sport einen ganz anderen Stellenwert, denn hier geht es nicht mehr alleine um die Einteilung seiner Kräfte, sondern der zusätzliche Gestaltungsspielraum bringt auch Verpflichtungen – man muss nicht nur wissen, wann man wie schnell treten darf bzw. sollte, sondern auch, mit welchem Gang man es sinnvollerweise tut. Ein Jogger läuft immer nur im ersten Gang. Und obwohl die Technik ihren Preis hat, ein gewisses Maß an Pflege verlangt und auch Verschleiß zeigt, hat auch das wieder Vorteile. Es ist mehr Individualisierung möglich, man kann das Fahrrad perfekt auf seine eigenen Bedürfnisse abstimmen (das muss man allerdings auch tun und zu entsprechenden Ausgaben bereit sein); der Jogger kann weder an seinen Beinen noch an seinen Schuhen viel verändern. Und dadurch, dass man nicht mit seinem eigenen Körper Kontakt zum Untergrund hat, schiebt man auch den Verschleiß (z.B. an Gelenken) auf das Gerät ab – was ein ungleiches Geschäft ist, denn die Maschine besitzt keine Fähigkeit zur Regeneration. (Was einem egal sein könnte, aber insofern lästig ist, da der Inhalt des Geldbeutels des Besitzers sich genauso wenig regeneriert. :-) Aber dadurch, dass beim Radfahren der Mensch zum reinen Kraftlieferanten (und Taktiker) gemacht wird, ist die Tätigkeit körperlich (obwohl sehr schonend) recht einseitig. Man trainiert seine Beine, und sonst gar nichts. Der Jogger läuft zwar auch nicht auf allen Vieren, aber nutzt wenigstens seinen restlichen Körper als Ausgleichsmasse für die durch das Abstoßen mit den Beinen hervor gerufenen Torsionsbewegungen.