Jeder Mensch hat Vorbilder, an denen er sich orientiert. Ich habe mir einmal überlegt, welche Personen und Vorstellungen ich als meine Vorbilder bezeichnen würde – und vor allem, warum. Diese Liste ist natürlich nicht vollständig, das wird sie auch niemals sein, und ist auch nicht nach irgend einem Kriterium sortiert, denn die Leistungen sind zu wenig vergleichbar.
Wilfried Erdmann, Reinhold Messner: Diese Menschen sind keine Draufgänger, sondern haben ihre Expeditionen und Abenteuer vor allem durch Weitsicht und Planung erfolgreich gemacht. Natürlich war ein nicht zu vernachlässigendes Risiko dabei, aber sie haben für sich und für die ganze Welt Grenzen neu definiert, ohne unnötige Gefahren einzugehen – und dabei manchmal auch Ängste ausgestanden oder den Mut gehabt, Rückzieher zu machen. Beeindruckend lesen sich beispielsweise die Bücher von Erdmann, wo er beschreibt, auf was für winzige Details er alles beim Bau seines Schiffes geachtet hat und an was er alles denken musste, als er für eine über ein Jahr dauernde Nonstop-Einhand-Weltumsegelung eingekauft hat.
Wau Holland: Weil er ein Visionär war. Er erkannte messerscharf die Veränderungen, die die Computertechnik in der Gesellschaft hervorruft und die Probleme, die veraltete Strukturen in unserer Gesellschaft (Gesetze, Vorstellungen, Rollenverteilungen) beim Übergang in eine Informationsgesellschaft drohen – und das bereits in den achtziger Jahren, lange bevor Modems in Deutschland erlaubt waren und die Leute nicht nur nicht über Datenhighways sprachen, sondern nicht einmal ahnten, das so etwas existieren könnte. Er war einer der wenigen, die nicht nur ein ausgezeichnetes technisches Wissen hatten, sondern auch den Weitblick, um zu erahnen, was für Chancen und Risiken die Computertechnik bietet, und die Weisheit, wie man damit richtig umzugehen hat. Er war es, der die Hackerethik maßgeblich geprägt hat, und damit den Chaos Computer Club zu dem gemacht hat, was er heute ist – eine anarchistische, freiheitsliebende, aber sehr geachtete und kompetente Vereinigung, die immer öfter herangezogen wird, wenn die Auswirkungen der Computertechnik auf die Gesellschaft diskutiert wird.
Frederic Vester: In diesem Zusammenhang muss auch Vester genannt werden. Im Rahmen der Internet-Euphorie war „Vernetzung“ ein allgegenwärtiger Modebegriff und wurde als etwas Neues und Revolutionäres gesehen. Aber andere haben derartige Zusammenhänge schon viel früher erkannt. Beispielsweise Frederic Vester, der die Natur als ein kompliziertes, vernetztes System darstellte und damit das Bewusstsein für eine ganzheitliche Vorgehensweise beim Naturschutz weckte – als noch niemand von Vernetzung sprach, Naturschutz wurde damals (wie leider auch teilweise heute noch) als etwas gesehen, dem man mit Hauruck-Aktionismus beikommen kann.
Albert Einstein: Weil er nachgedacht hat. Natürlich war er sehr intelligent und natürlich hatte er ein großes Wissen, aber er hat diese Eigenschaften genutzt, um alte Vorstellungen beiseite zu legen und um aus den neuen Erkenntnissen der damaligen Zeit (z.B. Konstanz der Lichtgeschwindigkeit im Michelson-Morley-Experiment) ein neues Weltbild zu erarbeiten. Nicht in einem Geistesblitz, sondern in monate- und jahrelangem Nachdenken und mit raffinierten Gedankenexperimenten, die erst z.T. Jahrzehnte später durch Versuche bestätigt werden konnten. Einstein steht stellvertretend für alle anderen Wissenschaftler, die nicht blind einer Lehrmeinung vertrauen, sondern auch genau deren Schwächen und ungelösten Probleme kennen und bereit sind, sich auf ganz neue Vorstellungen einzulassen, wenn sie als lohnend erscheinen – selbst wenn diese das Vorstellungsvermögen sprengen.
Otto von Bismarck: Nicht, weil ich die reaktionäre Einstellung dieses preußischen Reichskanzlers gut finde; aber er hat sein politisches Handeln immer nach den sachlichen Notwendigkeiten ausgerichtet und oft ohne ideologische Scheuklappen agiert – z.B. hat er den deutschen Arbeitern die damals modernsten Sozialgesetze der Welt gegeben (wenn auch ein Hintergedanke war, damit den Sozialdemokraten das Wasser abzugraben), und das Land außenpolitisch durch ein geschicktes Bündnissystem abgesichert. Obwohl er seine ganze Machtfülle benutzte, um seine persönlichen Vorstellungen gegen alle Widerstände durchzusetzen, war sein Gesamtkonzept doch in sich stimmig – obwohl es immer um seine persönlichen Wunschvorstellungen ging, diente seine Politik weder dazu, sich anzubiedern, noch um sich persönlich zu bereichern.
Dieter Wieland: Weil dieser Dokumentarfilmer in Filmen wie „Grün kaputt“ mit eindrucksvollen Bildern und wenigen, aber sehr treffenden Worten den Leuten vor Augen geführt hat, wie rücksichtslos unsere Kulturlandschaft einem blinden Fortschrittsglauben geopfert wird – ohne dabei einseitig dem Alten nachzujammern. Nicht der Fortschritt, sondern die gedankenlose Zerstörung des Alten durch etwas minderwertiges Neues war Ziel seiner Kritik. Damit hat er das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung nachhaltig beeinflusst.
Immanuel Kant: Einer der größten Philosophen; er hatte nicht einfach nur ein paar gute Ideen, auf denen er seine Philosophie aufgebaut hat – sondern er machte sich die Mühe, zuerst eine Erkenntnistheorie auszuarbeiten, auf der alles aufbaut. Trotz seiner sehr komplexen Überlegungen war er sich nicht zu schade, ganz unten anzufangen und alles von klein auf zu begründen. Obwohl ich weit davon entfernt bin, sein Werk wirklich zu verstehen, beeindruckt mich das – wie auch die Tatsache, dass er angeblich nie seine Heimatstadt Königsberg (in Ostpreußen) verlassen hat, dies aber kein Hindernis war, einer der bedeutendsten Philosophen zu werden. Er ist der Beweis, dass man durch pures Nachdenken über seinen geistigen Tellerrand blicken kann, ohne durch äußere Bedingungen darauf gestoßen werden zu müssen. Ich muss oft an ihn denken, wenn ich Leute sehe, die aufwändige Fernreisen gemacht haben, aber diese wie eine amüsante Zirkusvorstellung danach geistig ad acta legen. Wie als wären sie nie weg gewesen, sie wollten nur Spaß haben, sie haben die Welt gesehen, aber nicht hingeschaut.
Philosophen der Stoa: Philosophie bedeutet nicht nur, sich ein Weltbild zu erschaffen oder abstrakte Ideale zu definieren, sondern letztendlich eine praxisorientierte Ethik, und nach ihr zu leben. Während ich meine Ansichten in der Philosophie der Stoa schon sehr gut wiederfinde, sind es im Speziellen Mark Aurel und Seneca, deren Aussagen mich faszinieren.
Richard Feynman: Zweifellos einer der größten Physiker des 20. Jahrhunderts – allerdings auch jemand, der für seine Menschlichkeit bekannt war. Dabei waren das für ihn keine getrennten Sachen; die Forschung war gleichbedeutend mit dem Bewusstsein für seine eigene Unwissenheit und Einbildungen. Entsprechend bedeutete Wissenschaft für ihn ein Streben nach Ehrlichkeit, um sich nicht selbst zu täuschen und so letztendlich wahres Wissen erreichen zu können. Als Folge dessen versuchte er immer, sich selbst treu zu bleiben; er war immer ein Spielkind, das das tat, was ihn interessierte – und nicht das, was er glaubte, dass man von ihm erwartet. Er hatte wenig Hemmungen, andere berühmte Physiker zu hinterfragen oder zu kritisieren, auch wenn er sie insgesamt sehr bewunderte. Umgekehrt weigerte er sich, auf andere Menschen herabzuschauen, denn er meinte, man könne von Jedem etwas lernen. Durch seine Unterscheidungsfähigkeit zwischen Wissen und Einbildung war er ein Meister darin, ohne Hintergrundinformationen Zaubertricks zu enttarnen. Und auch seine bekannt guten und verständlichen Vorlesungen resultieren daraus; er sagte einmal, man könne den Namen eines Vogels in hundert Sprachen kennen und wüsste trotzdem noch gar nichts über das Tier selbst – es hilft noch gar nichts, wenn man ein Phänomen durch einen Fachbegriff erschlägt, echtes Verständnis heißt beschreiben, nicht benennen, auch wenn es dann noch so wissenschaftlich klingt.
Harald Lesch: Und schon wieder ein Physiker; dieser ist vor allem bekannt für seine Fernsehsendung Alpha Centauri. Populärwissenschaftliche Sendungen gibt es viele – diese hier ist außergewöhnlich gut (andere Sendungen strotzen leider vor Halbwahrheiten) und sehr anschaulich, was an der Sorgfalt bei der Vorbereitung liegen könnte. Aber wer Lesch einmal live gesehen hat, weiß, dass er Vorträge genauso lebendig hält, ebenso die Beantwortung der Publikumsfragen. Er kann gute Erklärungen in Echtzeit liefern! Das ist der Punkt: Wissenschaft hat nicht nur damit zu tun, viel Wissen zu besitzen und mit verschroben wirkenden Theorien umgehen zu können, sondern vor allem überall die Verbindung zur Realität herstellen, jede Aussage auch durch ein anschauliches Bild beschreiben und überraschende Verbindungen zu anderen Fachgebieten schaffen zu können. Die Wissenschaft ist nämlich niemals ein Selbstzweck, sondern einzig und allein dazu da, die Welt zu beschreiben, damit wir besser mit ihr umgehen können.
Donald E. Knuth: Dieser Informatiker besticht durch Sorgfalt und Bescheidenheit. Er gibt sich nicht damit zufrieden, etwas Mittelmäßiges abzuliefern. Seine Bücher der Reihe The Art of Computer Programming sind ein zeitloses Standardwerk – und um sie anfertigen zu können, erschuf er zuerst das Textsatzsystem TeX, damit sie auch optisch perfekt erstellt werden. Er ist jemand, der etwas erst vollständig verstanden haben will, bevor er es als Software implementiert oder als Buch schreibt; das Ergebnis soll, wenn schon nicht allumfassend, zumindest in sich perfekt sein. Gleichzeitig kennt er seine Grenzen, er ist kein Hansdampf in allen Gassen, sondern beschränkt sich auf das, wo er seine Stärken hat. Den Rest überlässt er Anderen.
Steven K. Roberts: Für die meisten Menschen gibt es unterschiedliche Rollen als Lebensziele, die man entweder verfolgt oder aufgibt. Dieser Amerikaner lebte recht gut in seinem technischen Beruf, wollte jedoch seinen Traum von Freiheit nicht aufgeben – und opferte statt dessen alles, was er als verzichtbar ansah. Mit selbst gebauten Konstruktionen wie dem High-Tech-Liegerad Behemoth oder dem Trimaran Microship reiste er durch das Land, um neue Lebensformen zwischen Nomadismus und Hochtechnologie auszuprobieren und sich von der Überflussgesellschaft zu verabschieden. Auch er geht an die Grenzen – nicht körperlich, sondern mit seiner Lebensplanung. Er bekennt sich zur Moderne und Technik, wird aber nicht zu Hause zum Feierabend-Spießer, sondern lebt seine Vorstellung von einer Synthese aus Freiheit und Fortschritt rund um die Uhr aus, ohne Trennung zwischen Beruf und Freizeit. Er fragt sich: „Was brauche ich zum Leben?“, aber beantwortet das nicht mit einer Zurück-auf-die-Bäume-Verweigerungshaltung, mit der sich manche Leute vor den Herausforderungen und Entscheidungen unserer Möglichkeiten zu drücken versuchen. Er ist technisch innovativ und trotzdem naturverbunden, er nimmt sich Freiheit, jedoch nicht auf Kosten oder dank der Errungenschaften der restlichen Gesellschaft, sondern liefert dieser neue Anregungen. Nicht zurück zur Natur und Unabhängigkeit, sondern vorwärts dorthin.
Kabarettisten (Volker Pispers, Georg Schramm): Kabarettisten beschreiben und kritisieren die Welt. Manche von ihnen sind dabei wirklich erschreckend scharfe Beobachter, denen nicht das kleinste Detail entgeht – auch wenn sie oft mit den Vorstellungen und Vorurteilen des Publikums spielen, ihre Informationsquelle ist nicht das Gerücht oder die Phantasie, sondern stets die eigene Beobachtung, und ihre Ausdrucksweise eine oft genauso scharf treffende Wortwahl beziehungsweise eine ebenso subtile schauspielerische Vorstellung. Damit schaffen es Kabarettisten, sich von der Gesellschaft zu distanzieren und ihr einen Spiegel vorzuhalten – und dabei trotzdem nicht unverstanden zu bleiben. Während viele von ihnen sich auf Gesellschaftskritik beschränken – und damit eine anonyme Masse und nicht näher spezifizierte Missstände aufs Korn nehmen –, sind es gerade die politischen Kabarettisten, die deutlich urteilen und sich nicht scheuen, Namen nennen. Gute Kabarettisten wählen dabei nicht den einfachen Weg, auf offensichtliche Fehltritte und Pannen einzudreschen und somit die Schadenfreude des Publikums zu nutzen, sondern finden deutliche Worte vor allem zu jenen Dingen, die auf den ersten Blick sinnvoll und vernünftig klingen, wo aber der Wahnsinn Methode hat, womöglich getarnt im Mantel des Professionellen. Pispers und Schramm gehören (neben anderen) definitiv zur Spitze der deutschen Kabarettisten – ihre Live-Auftritte sind ein Erlebnis, und zwar nicht nur unterhaltend, sondern lehrreich und nachdenklich machend.
Marilyn Manson: Nicht, dass ich wie dieser „Schock-Rocker“ aussehen will, und seine Musik ist auch nicht so mein Stil. Aber ich bin immer wieder beeindruckt, was für ein intelligenter Mensch hinter der Fassade steckt – das zeigt sich z.B. in Interviews. Zielsicher provoziert er mit seinen Aktionen die amerikanische Gesellschaft, und zeigt damit deren Abgründe auf. Beispielsweise wenn bigotte Moralapostel das Verbot seiner Musik fordern und ihn für Gewalt und Verbrechen verantwortlich machen wollen, legen sie lediglich ihre eigenen konfusen Vorstellungen und unüberlegten Beschuldigungen offen. Manson nimmt das zufrieden zur Kenntnis und widmet sich z.B. der Malerei.
Warum keine Frauen in dieser Liste sind? Ich habe keine Ahnung. Ist mir erst im Nachhinein aufgefallen. Vielleicht, weil die Bereiche, die ich für wichtig erachte, von Männern dominiert sind? Oder weil die Leistungen von Frauen weniger bekannt geworden sind? Keine Ahnung.